#1 Durchgehen und Bocken von 02.06.2020 18:59

Hallo,

wollte mal nachfragen, wie viel Reiterfahrung ihr so habt und ob Folgendes auch schon bei euch in einer ähnlichen Weise passiert ist.

Letzten Freitag habe ich Shake das 3te Mal geritten. Das erste Mal war beim Probereiten, das zweite Mal an der Longe und das dritte Mal in der Halle. Dabei ist er mir beim Traben durchgegangen. Ich konnte ihn wieder beruhigen und dann bin ich auf der linken Hand normal weiter geritten. Dann habe ich die Hand gewechselt und wollte einen Zirkel reiten. Sobald ich angesetzt habe um zu wenden hat er gebockt und mich abgeworfen. Bin wieder auf ihn drauf und an derselben Stelle hat er es wieder versucht. Habe es irgendwie in den Griff bekommen und wir sind weiter geritten. Dann erneut an derselben Stelle ist er regelrecht explodiert. 4-5 gebockt und mich abgeworfen. Ich hatte mein Bein ca 10 cm weiter hinten. Danach ist er auf mich zugeritten, ich bin zur Seite gesprungen habe die Halle verlassen und er ist wie wild locker 8 Runden im Vollgas galoppiert.

Ergebnis: dem Pferd geht es gut. Ich habe eine Gehirn, WBS Prellung und eine Schiene wegen meinem Daumen bekommen.

Ich muss dazu sagen, dass er dieses Verhalten bei meinem Reitlehrer (über 20 Jahre Erfahrung) bei dem er in Beritt ist nicht getan hat und auch wieder ruhig war, als er auf ihn drauf gegangen ist. Ich dachte immer, dass das Gefühl stimmen muss und man mit Unterstützung ein unerfahrenes Pferd händeln kann. Bin vor 5 Jahren regelmäßig geritten. Hatte zwei Warmblüter, die ich jeden Tag geritten bin. Beide waren jedoch älter (20 und 15), dann bin ich von Dressur auf Polo umgestiegen. Die Polopferde waren mit Abstand die ruhigsten Pferde, die ich kennenlernen durfte. Deshalb hatte ich mich auch für ein Vollblut entschieden. Doch bei Shake kommt es mir vor, als hätte ich noch nie auf einem Pferd gesessen. Und das ich nicht sattelfest bin habe ich erfahren.

Bin ehrlich gesagt etwas verzweifelt. Und wollte einfach mal wissen, was ihr da so für Erfahrungen habt?

#2 RE: Durchgehen und Bocken von Bine 03.06.2020 02:25

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Hallo Naka,
Ich kann deine Sorgen mehr als gut verstehen! Da hat man sein neues Pferd,beim Proberitt lief alles gut und nun möchte man gern loslegen und nichts geht.. das ist natürlich sehr frustrierend und wenn es wie in deinem Fall sogar mit einem Unfall endet ist das sicher zum verzweifeln !
Aber hast du mal überlegt dass alles für Shake vielleicht bisschen viel ist?
Du schreibst du hast ihn erst wenige Wochen. Gesundheitlich durchgecheckt ist er ja, wobei das trotzdem mal noch im Hinterkopf sein sollte, falls sich die Probleme nicht bessern. Aber versetzt dich mal in seine Lage: Er kam im neuen Stall (schon der 3.nach seiner Rennbahnzeit) gleich in Beritt, soll "umgepolt " werden in eine Richtung,die seiner bisherigen Ausbildung völlig konträr ist. Gerade in der klassischen Dressur (ich vermute du meinst nichr klassisch in Sinne von akademischer Reitkunst sondern klassisch FN?!) mit Anlehnung an beiden zügeln und heranreiten des Pferdes an die Hand, ist das system für ihn vielleicht einfach noch vollkommen unverständlich. Zudem fällt es jungen,festen oder ungeschulten pferden schwer,so ihr Gleichgewicht zu finden und viele Pferde kommen in Stress oder Panik,wenn Ihnen der Hals als balancierstange fehlt,besonders wenn sich das Tempo erhöht.
Zudem sieht er auf den Bildern nicht nur was den Futterzustand angeht sehr schmal aus,sondern wirkt auch verkrampft und fest in der Muskulatur.

Ich persönlich würde so ein Pferd noch gar nicht aus dem Sattel arbeiten sondern erst mal ganz viel vom Boden aus,bis er losgelassenheit und Balance erlernt hat.
Dass er bei deinem RL nichts macht,könnte evl daran liegen,dass dieser Shake nicht im Gleichgewicht stört weil er vielleicht etwas ausbalancierter sitzt als du...nur mal so als Idee...

Auch was euer Verhältnis zueinander angeht wäre es vielleicht ganz gut, du klärst erst einmal ein paar Dinge zwischen euch,bevor du auf seinen Rücken steigst.
Du schreibst,nach dem Sturz sei er auf dich zugekommen und du bist zur Seite gesprungen. In Pferdesprache übersetzt hieße das ganz klar,du bist "rangnieder" und weichst ihm,er kann dich treiben. Wenn er aber der Überzeugung ist,dass er dich wegschicken kann, dann heisst das folgerichtig auch, dass du in seinen Augen nicht "kompetent" bist, ein guter Chef zu sein,der Verantwortung übernehmen und ihn schützen kannst. Wie soll er dir da unterm Sattel, wo Kommunikation ja noch viel subtiler abläuft , Vertrauen können?

Ich hoffe du verstehst was ich dir sagen will? Es geht überhaupt nicht um Unterwerfung oder Dominanzgehabe im Sinne von hart anpacken-aber wenn die Konstellation zwischen euch noch nicht geklärt ist, wird er immer lieber selbst eine Entscheidung treffen, als sie dir zu überlassen . Vielleicht auch ein Punkt, wo dein RL eine gewisse "selbstverständlich Autorität" mitbringt, was Shake gar nicht infrage stellen muss.

Glaub mir, ich spreche hier nicht mit erhobenem Zeigefinger, auch ich habe und hatte mit meinen Pferden schon viele unschöne Momente! Aber gerade deswegen habe ich mir auch sehr viele Gedanken gemacht und viele meiner alteingesessenen Pfade und Überzeugungen verlassen!

Und ein Punkt,der mir immerwieder aufs neue klar wird(obwohl ich es doch weiß) - Pferde brauchen Zeit,Zeit,Zeit und nochmal Zeit und gaaaaanz viel Geduld!
Hör Ihnen zu, lern ihre Sprache-nur so kann man dauerhaft ein Verhältnis zueinander haben, das beiden Spaß macht!

Lass den Kopf nicht hängen! Schalte vielleicht einfach nochmal einen Gang zurück, investiere erstmal Zeit in shake als Freund (nicht primär in seine Ausbildung als Reitpferd) und versuche nichts zu erzwingen.

Ich hoffe ich konnte dir ein paar Denkanstöße geben und ein wenig Mut machen!
Ich hoffe für euch, dass ihr den Weg zueinander findet.
Und denk immer daran-er meint es nicht böse, ihr versteht euch einfach (noch) nicht . Aber das wird schon!!!
LG Bine

#3 RE: Durchgehen und Bocken von Bine 03.06.2020 07:52

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Ach,und vielleicht noch kurz zu deiner Frage was wir selbst so an Erfahrungen gemacht haben-auch ich dachte mit meinem bisherigen wissen und Reiterlichen können schaffe ich es mit etwas Unterstützung meinen vollblüter ohne Stress zum Reitpferd umzuschulen..die Verbindung zwischen uns war direkt da und mein Wille auch-aber ganz so einfach gestaltet es sich dann leider doch nicht..
Wir haben derzeit einige Probleme, alles nachzulesen in MEINEM Thread über durchgehen etc...
Du siehst-du bist nicht allein!

#4 RE: Durchgehen und Bocken von winningdash 03.06.2020 09:43

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Dem kann ich mich nur anschließen rückblickend hab ich auch viele Fehler bei Winni gemacht und viel zu früh "Dressur" von ihm verlangt, zB hat er mich beim VoltenReiten auch abgesetzt, weil er das einfach körperlich noch nicht konnte. Geht fast allen ähnlich, Geduld, Geduld, Geduld ...

#5 RE: Durchgehen und Bocken von Shirana 03.06.2020 09:51

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Hallo Naka,
Bine hat mir da schon gut aus dem Herzen gesprochen.
Hinzu kommt noch, dass Shake sich vielleicht (wie viele Vollblüter) gerne an einen Menschen bindet. Er hat anscheinend immerhin Vertrauen zu Deinem RL gefasst und dann setzt sich da jemand anderer auf seinen Rücken, den er zwar ein bisschen kennt, aaaaber: Ist derjenige auch "weisungsbefugt"? Mit anderen Worten: Kannst Du auf ihn aufpassen? Ihm Sicherheit geben? Das MUSS er wissen, davon hängt sein Leben ab (meint er).
Und er etwas nach hinten gelegte Schenkel kann ihn auch tatsächlich sehr gestört haben. Diese Pferde sind oft so feinfühlig! Angenommen, Dein RL hat einen sehr guten, ausbalancierten Sitz mit sehr gleichmäßiger Hilfengebung - Du machst es natürlich ein bisschen anders und schon nimmt Herr Shake das als Anlass, seinem Namen alle Ehre zu erweisen.

Shirana und ich hatten auch sehr schwierige Phasen... nach einigen easy Jahren im Gelände ohne Reitplatz wollte ich dann (nun eben MIT Reitplatz) gymnastizierende klassische Arbeit mit ihr starten. Wir kannten uns, wir haben uns im Gelände aufeinander verlassen und wir hängen auch beide sehr aneinander. Trotzdem mussten wir nun nochmal ganz von vorne anfangen und ich habe auch ein paar mal Sand geschluckt, um es mal so zu sagen. Im Gelände war ich nur ein mal von ihr heruntergesegelt und da konnte sie nun wirklich nichts für. Auf dem Reitplatz war das leider anders...
Aber wir haben uns zusammengerauft. Ich habe mein Vertrauen laaaangsam wieder aufgebaut und sie damit auch ihr Vertrauen in mich und in meine Fähigkeit, zu entscheiden, ob alles wirklich okay ist.
Wenn ich im Urlaub bin reitet auch meine Tochter Shirana mal - und ja, aus sie kennen sich seit vielen Jahren und vertrauen einander. Eigentlich. Aber Jana reitet sie halt sonst nicht und somit "testet" Shirana jedesmal zuerst, ob sie sich denn auf Jana verlassen kann. Sprich: Lässt sie sich beeindrucken von der Vollblöd-Show? Kann sie die Verantwortung wirklich übernehmen? Schließlich könnte es sein, dass ein Ungeheuer aus der Hecke am Reitplatz springt und sie beide frisst.

Nun, wir gehen eher den wirklich klassischen Weg (von dem bei der FN leider meist ja nur noch die schönen Worte übrig sind), arbeiten also mit möglichst feiner Hilfengebung. Und obwohl ich mir immer Mühe gebe, geradezu nichts zu machen, so ist es doch oft immer noch zu viel. Das ist natürlich toll, wenn man erst mal die kleine Nuance gefunden hat, die man braucht - aber bis dahin klappt vieles einfach nicht.

Ach, und er wird auch vor seiner Explosion schon die eine oder andere "Anmerkung" gemacht haben. Vielleicht hast Du sie nicht bemerkt, vielleicht hast Du sie ignoriert - aber diese Pferde kommunizieren ständig. Das tun andere vermutlich auch, aber denen ist es (irgendwann) egal, ob Du zuhörst. Einem Vollblut eher nicht. Das ist eine dieser ganz wunderbaren Eigenschaften unserer Pferde, dass sie uns lehren, zu sehen, zuzuhören, zu fühlen und genauso sanft oder sanft-deutlich zu antworten.

Nicht den Kopf hängen lassen. Lass Euch beiden Zeit, ein Team zu werden.

#6 RE: Durchgehen und Bocken von 03.06.2020 11:24

Lieben Dank für eure Beiträge. Habe mich mal hier etwas eingelesen und festgestellt, dass ich nicht die Einzige mit diesen Themen bin.

Ehrlich gesagt, fühle ich mich dem Ganzen nicht gewachsen. Und da ich im November bereits dem Tod von der Schippe gesprungen bin (Herz- & Lungenversagen) habe ich zusätzlich Angst. Bin zudem auch nicht mehr die Jüngste.

Shake ist ein gutes Pferd, ich denke nur, dass er bei einer erfahrenen Person besser aufgehoben ist. Letztlich bin ich der Meinung, dass es nichts bringt ein Pferd zu besitzen, mit dem ich im Alltag nicht alleine umgehen kann und dann noch woanders reiten gehe.

Ich wollte nach meinem Koma einfach nur reiten. Für das Pferd da sein und von ihm lernen. Ich habe einen Fehler gemacht und sehe ihn ein.

Die Entscheidung steht. Wir werden ihn entweder verkaufen oder ihn gegen ein altes Pferd eintauschen. Und solange machen wir mit ihm weiter. Und in dieser Zeit schauen wir, dass er noch ein wenig zulegt. Er hat auch sehr viel Sicherheit durch die Pflege und Ernährung bekommen. Er hat richtig geglänzt das Letzte Mal. Es fühlt sich an, als hätten wir ihm was Gutes getan.

Und es hat sich herausgestellt, dass er Potenzial zum Springen hat. Und das ist ja gar nicht mein Ding.

In diesem Sinne, danke und alles Liebe

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